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Meister Pinsel

In der Mitte der 1740er Jahre kommt der wenig bekannte Meister-Schnitzer Johann Georg Pinsel zusammen mit dem Architekten Bernard Merettiner in die Stadt Butschatsch, die zwischen den beiden Ufern des Flusses Strypa liegt. Sein Gepäck war voller Meißel, Hobel, und Skizzenblätter. Und in Butschatsch wurde ihm eine besondere Aufgabe gestellt – den Bau eines neuen Rathauses zu leiten und dafür eine große Kartusche mit dem Wappen von Pilawa, Konsolen unter den Galerien und allegorische Skulpturen aus dem Weißstein für Attikageschoss zu schaffen. Nach dem Plan von Bernard Merettiner sollte dieses neue Gebäude die Regierungszeit des Kaniwer Starost, einer der reichsten Magnaten und Mäzene von Polen-Litauen, Mykola Pototsky verherrlichen.

Die geschnitzten Steinfiguren des Rathauses von Butschatsch, die die zwölf Heldentaten des Herkules metaphorisch abbildeten, brachten dem jungen Meister Erfolg. Aufgrund seiner außergewöhnlichen künstlerischen Vision erhält der Bildhauer viele neue Aufträge. In Butschatsch, Monastyryska, Horodenka, Hodowyzja, Marijampil, Lwiw, Rukomysh, Budaniw entstehen Skulpturen für Heiligtümer. Als Bürger von Butschatsch, wo Pinsel in der privaten Werkstatt gearbeitet hat, gelang es ihm, in jedes von seinen Werken die Kraft und Leichtigkeit, Temperament und Spannung, Drama und Bedeutungsperspektive – das innige Verständnis der menschlichen Seele hineinzulegen.

Der Ideenbereich des Bildhauers wuchs vor allem aus den Themen der Heiligen Schrift und seiner eigenen Lebenserfahrung. So kamen die Skulpturen von Heiligen Tobit, Vincenzo, Felix mit den Kindern, Joseph, Erzengel Gabriel und anderen auf.

Im Laufe seiner kreativen Karriere musste Pinsel stets mit anderen Meistern konkurrieren, wie Homa Gutter, Kondrat Kutschenraiter, Jacob Marwart, Jozef Leblas, Christian Seiner, Anton Osinsky, Sebastien Fesinger und Ioan Gertner.

Pinsel sammelte um sich den Kreis von Kollegen, die nach dem Tod des Meisters den kreativen Stil seiner Schnitzerei fortsetzten: Matwei Polejowsky, Michail Fillewitsch, Ivan Obrotsky, Anton Still und Franziskus Olensky.

Und fast eineinhalb Jahrhunderte später bekamen seine künstlerischen Werke die verdiente Aufmerksamkeit. Erst in der Zwischenkriegszeit beginnt die Kunsterfassung des skulpturalen Erbes von Pinsel, die bis zu heutigen Tagen dauert. Zu der Gruppe von Forschern des Meisters gehören Adam Bochnak, Tadeusz Mankovsky, Zbigniew Hornung, Mieczyslaw Gembarowicz, Boris Voznitzky, Jan Ostrowsky, Dmytro Krwavich, Volodymyr Vuytsik und andere.

Aufgrund der respektlosen Haltung gegenüber den Denkmälern der Sakralarchitektur in unserem Land in der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts wurde eine Vielzahl von Skulpturen Pinsels teilweise oder völlig verschwunden. Leider wurde auch die einzigartige kompositorische Einheit der Werke an verschiedenen Orten verloren, aber dank Boris Voznytsky konnten die Skulpturen einen neuen “Status” erlangen – sie sind zu einer Sammlung des Erbes von Pinsel geworden. In den 1960er Jahren konzentrierte Boris Voznycky in der Lwiw Art Gallery die meisten Meisterwerke aus Holz. Die anderen befinden sich in Olesk, Iwano-Frankiwsk, Ternopil und Kolomyja. Das heutige Rathaus von Butschatsch zieren die kaum bemerkbaren weißen Steinskulpturen, verwittert und von der Sonne erschöpft stehen sie nun und erinnern uns an den großen Meister.

Nach zahlreichen Ausstellungen und Publikationen kann man behaupten, dass die Arbeit von Johann George Pinsel nicht nur Gegenstand wissenschaftlicher Forschung und des öffentlichen Interesses an der Vergangenheit ist, sondern auch eine unendliche Nahrung für die menschliche Seele und den menschlichen Geist. Die Interpretation seiner Werke reicht bis in die byzantinische Tiefe, durchquert die Spitze des hohen Quattrocentos, manövriert in der Pracht des deutschen Barocks, taucht in das Erbe des nicht weniger faszinierenden Meisters Martin Brown ein und taucht wieder im Drama der Theateraufführungen des XVIII auf. Es sollte auch daran denken, dass Skulpturen nicht als Gegenstände einer Museumsausstellung geschaffen wurden, sondern wirkungsvolle Charaktere in der Architektur- und Raumsprache von Tempeln, Palästen und weltlichen Gebäuden waren.

Pinsels Skulpturen vermitteln eine außergewöhnliche Kraft, spiegeln die Energie der höchsten göttlichen Natur und wirken unermesslich auf menschliche Qualitäten und Gefühle. Seine Arbeit ist eine paradoxe Kombination von Extremen – die innere Ruhe und Dynamik der Unausweichlichkeit. Dem Meister von Butschatsch gelang es das kulturelle Wesen der Materie zu enthüllen, deren Bedeutung auch in den Tiefen der Kontraste unserer Zeit verborgen liegt.

Oleh Rybchynskyi