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Städte

Die italienische Region Toskana ist die Heimat von zwei berühmten Bildhauern Michelangelo Buonarroti und Lorenzo Bernini. Beide Meister hatten die Unterstützung und Möglichkeit, sich kreativ auszudrücken. Ziemlich lange Zeit reisten sie zu zweit durch das Land, um Assistenten, Studenten, Materialien und Werkzeuge zu suchen und Aufträge auszuführen. Ihre Werke wurden zu einem festen Bestandteil der italienischen Kulturlandschaft. Das sind Skulpturen, die Sinnlichkeit, emotionale Spannung und religiöse Exaltiertheit vermitteln.

Um die eindringliche Kunst von Michelangelo und Bernini am Anfang des 18. Jahrhunderts zu studieren, kommt der junge Bildhauer Matthias Bernhard Braun aus Innsbruck nach Italien. Anschließend wurde er beauftragt, eine Skulptur für die Kirche der Allerheiligsten Dreifaltigkeit im Hospital Kuks in Tschechien zu schaffen. Während seiner 28-jährigen Arbeit in Prag schuf Matias Braun eine unglaublich große Anzahl von Steinskulpturen. Er starb im Alter von 54 Jahren an Tuberkulose.

Zwischen den drei Bildhauern – Michelangelo (1475-1564), Bernini (1598-1680), Braun (1684-1738) – existiert eine Erblichkeit des kreativen Denkens. Ihr Nachfolger ist Johann Georg Pinsel (geboren zwischen 1707-1720, gestorben 1761-1762) geworden. Der einflussreiche Patron des Meisters war Nikolaus Basilius Potocki. In der Mitte des 18. Jahrhunderts plant dieser zielstrebige Mäzen, zwei Städte auf den wichtigsten Handelsrouten – Horodenka und Butschatsch –wiederaufzubauen, die in den Jahren 1738-1739 von Moskauer Truppen zerstört wurden.

Ende 1745 lädt Potocki den Architekten Bernhard Meretyn ein, um die Römisch-katholische Missionarskirche der Unbefleckten Empfängnis der Jungfrau Maria in Horodenka zu entwerfen, der bereits am Bau der Sankt-Georgs-Kathedrale in Lemberg gearbeitet hatte. Der Bau des Tempels in Horodenka wurde 1754 abgeschlossen. Er wurde im Südosten der Stadt errichtet. An der Nordseite grenzte das Kloster an das alte Schloss aus dem 17. Jahrhundert. Die Barockkirche mit zwei Türmen wurde zur räumlichen Dominante der Stadt. Die architektonische Komposition der Hauptfassade hat Gemeinsamkeiten mit der Sankt-Georgs-Kathedrale in Lemberg.

Um die Designpläne umzusetzen und skulpturale Kompositionen auszuführen, lädt Meretyn den Schnitzer – Pinsel ein, wodurch ihm langfristige Aufträge und gute Bezahlung garantiert wurden. Für die Griechisch-katholische Kathedrale in Lemberg fertigt der Meister eine monumentale skulpturale Komposition von Hl. Georg und wahrscheinlich der Heiligen Leon und Atanasius; für Römisch-katholische Missionarskirche in Horodenka – 18 Skulpturen für den Altar und eine Steinsäule mit der Figur der Heiligen Maria; In Butschatsch – zwei Steinfiguren des Hl. Johannes Nepomuk und der Gottesmutter, 14 skulpturale Kompositionen, die zur Dekoration des Attikageschosses wurden, Steinkonsole und die große Kartusche des Rathauses. Bei der Untersuchung des kreativen Erbes von Meretyn und Pinsel machte Volodymyr Vujtsyk darauf aufmerksam, dass das ungewöhnliche Element der barocken Architektur des Altars in Horodenka fast ein unrealistisches Phänomen ist – die in der Luft schwebenden Kapitelle ohne Säulen, die nur von den Händen der Putti unterstützt werden.

Von Butschatsch nach Horodenka reiste Meister Pinsel häufig an der Stadt Solotyj Potik vorbei und betrachtete da das alte Schloss, die Backsteinkirche und die Holzkirche; auch die steingeschnitzten Eingangstore des Schlosses von Tschernelyzja. In der Kirche von Hl. Stephanus in Solotyj Potik errichtete er zwei Seitenaltäre. Pinsel studierte auch einmal die Erfahrung von Steinmetzen in Jaslowez, die eine der schönsten Städte Osteuropas geschaffen hatten. Auf dem Weg entlang der gewundenen Küste von Strypa brachte Pinsel zur Klosterkirche von Rukomysch die im Stein geschnitzte Skulptur von Onuphrius dem Großen. Während der Reise erinnerte er sich vielleicht an die Arbeit seines Lehrers Matthias Braun, der im Wald von Bethlehem in der Nähe vom Kuks-Schloss aufgestellt wurde.

In Butschatsch leitet Pinsel aktiv den Bau des Rathauses, schnitzt auch parallel die Steinskulpturen und gibt die Beratung seinen Gesellen bei der plastischen Technik der architektonischen Details. Seine skulpturalen Szenen basiert er nicht nur auf den Helden der antiken Mythologie, sondern auch fügt er die für die damalige Ukraine ausdrucksvolle Figuren hinzu – der Unfreie und der Kosak, die sich beiderseits des Wappens auf den Voluten befinden. Vielleicht entstanden diese Bilder vom Schnitzer unter dem Einfluss einer Reihe der Steinsklaven von Michelangelo. In diesen Jahren arbeitet er an Antependien, königlichen Toren und Diakonentüren, die Allegorien von Mut, Weisheit, Glauben und auch am Hl. Tobias für die Altäre der Griechisch-katholischen Kirche der Schutzmantelmadonna. In Antependien stellt er Panoramen von Butschatsch, Tempeln und Toren dar, wodurch er den Respekt vor seiner Stadt beweist. In den Jahren 1745-1760 verwandelt sich Butschatsch in die Stadtresidenz von Nikolaus Potocki – ein Palastkomplex entsteht, sowie auch das Ensemble des neuen Marktplatzes, des Klosters der Basilianer, der Griechisch-katholischen Kirche der Schutzmantelmadonna und der Römisch-katholischen Kirche Mariä Himmelfahrt, für deren Seitenaltar Pinsel auch die Skulpturen von Hl. Francesc de Borja und Hl. Vinzenz von Paul geschnitzt hat.

Der Bau der Sankt-Georgs-Kathedrale in Lemberg hat lange gedauert. Nach dem Tod von Bernhard Meretyn 1759 der Leiter vom Bau des Tempels wurde Martin Urbanik und vollendete den im Jahr 1761. So vollendete Johann Pinsel schon am Ende seines Lebens die skulpturale Komposition von Hl. Georg, die er auf dem Attikageschoss der Kathedrale installierte.

In den frühen 1750er Jahren erhielt der Meister von Jan Caitan Jablonowski den Auftrag, eine Reihe von Holzskulpturen für die Klosterkirche in Marijampil’ zu fertigen. Zu dieser Zeit entwickelt sich die Stadt aktiv: Errichtung neuer Bastionen und Befestigungen des Stadtzentrums, eines Schlosses, der Pfarrkirche und des Kapuzinerkonventes. Auf dem Weg nach Marijampil’ reiste Pinsel durch Monastyrys’ka und inspizierte die Römisch-katholische Pfarrkirche Mariä Himmelfahrt (für die er 1761 in Zusammenarbeit mit Anton Still sechs Skulpturen gefertigt hat), zwei Holzkirchen und einen geräumigen Marktplatz. Dann kommt er in Ustja-Selene, wo es gerade den Bau der Backsteinkirche der Heiligen Dreifaltigkeit beendet hat. Jan Juliusz Ostrowski glaubt, dass Pinsel in den Jahren 1754-1755 der Autor der Dekorationen des Tempels in Ustja-Selene sein könnte.

In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts erhält Pinsel mit Unterstützung von Meretyn einen Auftrag für den Hauptaltar der Römisch-katholischen Pfarrkirche Allerheiligen in Hodowycja. Zu einigen Werken zog er seine Studenten an – Matthew und Peter Poleevsky. Bei der Arbeit an der Altarsfigur der Trauenden Muttergottes erinnert Pinsel an die Werke des italienischen Meisters Bernini, und nämlich an die Ekstase von Louis Albertoni und an die Ekstase der Heiligen Theresa. Während der Erschaffung des Bildes von Samson hat er die Skulpturenkomposition von Stefano Maderno neu durchgedacht, die er während einer Jugendstudienreise nach Rom sehen konnte. Ein besonderer Fokus auf den menschlichen Körper, den Pinsel so dramatisch unverhohlen darstellt, ruft die Kritik der Geistlichen hervor. Dann bedeckt er die nackten Körperteile der Figuren von Isaac und Samson mit Gewand, indem er die Draperie imitiert. Später geht Pinsel wieder von Butschatsch aus, reist an Pidhajzi vorbei, wo sich ein Renaissanceschloss, Verteidigungsanlagen der Stadt und der Tore, ein paar Kirchen, eine Synagoge, ein schöner Markt und ein Rathaus befinden. Nach ein paar Kilometern erreicht er das Heim der Familie von Senyavsky – die Stadt Bereschany. Hier wurde Pinsel nicht nur von der Architektur beeindruckt, sondern auch von den Skulpturen von Henrikh Horst und Johann Pfister. Später reiste er durch Narajiw und Swirsch.

In Lemberg lebte Pinsel wahrscheinlich bei Meretyn, in einem Haus auf der Schpytalna-Straße (heute die Theatralna-Straße). Er inspizierte gründlich die Werke von Sebastian Fesinger in der katholischen Kirche von Hl. Peter und Paul im Jesuitenkloster, den Hl. Nikolaus aus dem Trinitarierkloster in der Vorstadt und aus dem Dreifaltigkeitskollegium der Trinitarier mitten in der Stadt. Im Jahr 1757 schuft Pinsel zusammen mit Johann Gertner für die Trinitarierkirche die architektonische Form der Altäre der Heiligen Felix de Valois und Jan de Mat. Der Kunstkritiker Tadeusz Mankowski vermutete, dass Meister Pinsel auch Figuren für den Hauptaltar der Römisch-katholischen Kirche Mariä Himmelfahrt in Nawarija geschaffen hat. Dieser Tempel wurde nach dem Projekt von Meretyn erbaut und bis zur Errichtung des Hauptaltars im Jahr 1755 könnte Pinsel selbst daran beteiligt sein. 1760 zieht Martin Urbanic Pinsel dazu an, um vier Holzskulpturen für den Hauptaltar des Dominikanerklosters in Lemberg zu schnitzen. Das sind Figuren von Johannes dem Täufer, Hl. Dominikus, Hl. Augustinus und Hl. Nikolaus.

Pinsel war eine aktive und gebildete Person. Viel gereist. Die Lebenskultur dieser Zeit zeigt uns, dass er nicht nur Deutsch, sondern auch Polnisch und Ukrainisch, vielleicht Tschechisch und Jiddisch sprechen sollte. In der Mitte des 18. Jahrhunderts war die Umgebung, in der er lebte und arbeitete, nicht von politischer Ruhe und Beständigkeit eingeprägt. Vielleicht dachte er manchmal, Butschatsch zu verlassen und weit nach Westen umzuziehen. Das ist aber nicht passiert. Er und seine Werke waren gefragt. Seine Umgebung, Möglichkeiten und Schnitzerei-Kultur entsprachen seinen Bedürfnissen. Er war hier kein vorübergehender Besucher. Der Meister arbeitete weiter, verkörperte innovative Ideen, um die Geschichte der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts in skulpturalen Kompositionen zu gestalten, die den physischen Körper in Rahmen des Göttlichen bekommen, die Bemühungen des Geistes und die Bedeutung des Glaubens vereinen. Pinsel unterhielt sich mit den Geistlichen und der Szlachta, Bürgern und Bauern. Er war auch bekannt mit den lokalen nationalen Traditionen und festlichen Ritualen.

Ende 1760 verließ Pinsel Butschatsch zum letzten Mal. Nun nahm er die Ausführung von Holzskulpturen für die Pfarrkirche in Budaniv auf. Mit Hilfe seiner Studenten erschafft er die Heiligen Hieronymus, Augustinus, Gregor, Ambrosius und andere.

In mehreren Jahrhunderten wurden seine Werke auch wandernd. Sie wurden von ihrer Heimat in sämtliche Ausstellungshallen und Museen gebracht. Immerhin wurden sie mit der Zeit sozusagen “gebetet” und fest mit dem Geburtsort verbunden. Sie sind die Träger der Erinnerungen an die Tempel, die Menschen, die sich um sie kümmerten und sich ihnen zuwandten. Und so wurden Pinsel und seine Skulpturen zu einem organischen Bestandteil des komplexen kulturellen Mosaiks der damaligen Rzeczpospolita und der heutigen Ukraine.

Oleh Rybchynskyi

* Ілюстрації до статті взято з відкритих джерел.