Butschatsch: die Stadt, das Rathaus und die kreative Zusammenarbeit von Bernard Meretyn und Johann Georg Pinsel
Die ältesten archäologischen Funde auf dem Gelände der Burg Butschatsch deuten darauf hin, dass hier bereits seit etwa dem 12. Jahrhundert eine slawische Befestigungssiedlung bestand. Die erste schriftliche Erwähnung von Butschatsch stammt aus dem Jahr 1260 (obwohl andere Quellen die Jahre 1360 und 1373 anführen). Zu dieser Zeit wurde der damalige Herrscher der Siedlung, Gabriel Butschatsch, in Urkunden erwähnt. Das Jahr 1515 (einigen Quellen zufolge das späte 14. Jahrhundert) markierte eine wichtige Etappe in der „Wiedergeburt“ von Butschatsch als vollwertige europäische Stadt. Zu dieser Zeit wurde das Magdeburger Recht für die Stadt wiederhergestellt und kodifiziert. Butschatsch ist ein bemerkenswertes städtisches Zentrum, da es eine Stadt mit zwei Herzen ist – zwei Marktplätze funktionieren dort bis heute nebeneinander.
Der alte Marktplatz in Butschatsch hatte eine längliche, trapezförmige Gestalt. Seine kompositorische Achse verlief von Westen nach Osten und endete im östlichen Teil mit der Kirche der Heiligen Schutzpatronin. Ursprünglich waren die Gebäude auf dem alten Marktplatz aus Holz – entweder mit einem Portikus oder mit markanten Dachvorsprüngen, die deutlich über die Fassaden hinausragten. Aufgrund des steilen Geländegefälles wurden die Holzhäuser auf Steinfundamenten errichtet. Beispiele für diese Art von Architektur sind in Butschatsch in der Lesia-Ukrainka-Straße bis heute erhalten geblieben.
Im Laufe der Zeit erreichten die alten Holzgebäude auf dem Platz das Ende ihrer Lebensdauer, sodass bereits im 19. Jahrhundert mit dem Bau von Steinhäusern begonnen wurde, deren Abmessungen den bisherigen Grundstücken entsprachen. In der Folge entstand aufgrund des Bevölkerungswachstums und wirtschaftlicher Faktoren im Zentrum des Alten Marktes ein weiteres Geschäfts- und Wohnviertel. Die neue Bebauung wurde maßgeblich von den paneuropäischen Architekturstilen des 19. Jahrhunderts geprägt. Markante Beispiele des Historismus, des Jugendstils und des Funktionalismus sind hier bis heute erhalten geblieben.
Der neue Marktplatz und das Phänomen „Rathaus“Der neue Marktplatz in Butschatsch wurde an der Stelle des ehemaligen Zollschranke außerhalb der Stadtmauer errichtet. Seine nordwestliche und südöstliche Begrenzung folgte dem Straßenverlauf des alten Vororts. Die nordöstliche Seite grenzte an einen Bach, der den neuen Markt vom alten trennte, während die südwestliche Seite komplett neu gestaltet wurde. Die Gestaltung dieses neuen Platzes stand in direktem Zusammenhang mit dem Bau des Rathauses.
Mehrere ideologische Faktoren beeinflussten die Entstehung des Rathauses von Butschatsch. Sein Bau markierte nicht nur eine neue Etappe in der Entwicklung der Stadt, sondern war auch Ausdruck einer einzigartigen kreativen Zusammenarbeit zwischen dem Architekten und dem Bildhauer. Das Rathaus wurde im neuen Teil der Stadt errichtet, obwohl auch auf dem alten Marktplatz ausreichend Platz dafür vorhanden gewesen wäre. Nur ein solcher Standort konnte gewährleisten, dass es eine starke informative und symbolische Wirkung auf die Einwohner von Butschatsch ausübte.
In seinem Streben nach persönlichem Ruhm legte Mykola Pototskyi – der Starost von Kaniv und Gründer des Rathauses – die Ausrichtung der Hauptfassade eigenhändig fest. Dieser Kontrast zwischen dem neuen und dem alten Butschatsch war recht gewagt, doch gerade dieser Präzedenzfall verdeutlicht die immense Bedeutung, die das Rathaus für die Verwirklichung der Ambitionen des damaligen Adels hatte. Pototskyis Ansprüche erstreckten sich auch auf die architektonische Gestaltung der Fassaden, die in ihrer Ästhetik sogar das Rathaus von Lemberg übertreffen sollten.
Um diese Großvision zu verwirklichen, beauftragte der Magnat den Architekten Bernard Meretyn und den Bildhauer Johann Georg Pinsel. Diese Zusammenarbeit sorgte dafür, dass ein Meisterwerk entstand. Pinsels Biografie ist eng mit der Geschichte dieses Gebäudes verbunden. Es ist bekannt, dass der dreißigjährige Bildhauer erst nach Abschluss der Hauptarbeiten heiraten konnte. Die dekorative Ausstattung des Rathauses war ein unbestreitbarer Beweis für seine ausgereifte Handwerkskunst, während seine Heirat ihm den Weg ebnete, den offiziellen Status eines Handwerksmeisters zu erlangen und eine eigene Zunftwerkstatt zu gründen. Die Zusammenarbeit brachte die Künstler auch auf persönlicher Ebene einander näher: Meretyn wurde der Pate von Pinsels erstem Sohn, und das Kind wurde ihm zu Ehren Bernard genannt. So wurde die Zeit des Rathausbaus in Butschatsch für beide Künstler zu einer Phase höchster Selbstentfaltung und zur Blüte ihrer gemeinsamen kreativen Bemühungen.
Es ist zudem wichtig zu erwähnen, dass Bernard Meretyn seine Entwürfe hauptsächlich auf Papier zeichnete, während die Umsetzung vor Ort von örtlichen Bauunternehmern übernommen wurde. In Butschatsch lag die Hauptverantwortung dafür, dass die Vision des Architekten originalgetreu umgesetzt wurde, bei Johann Georg Pinsel, der mit seiner Familie in der Stadt lebte und die örtlichen Gegebenheiten sehr gut kannte.
Die architektonische Umgebung des PlatzesUm sicherzustellen, dass sich das Rathaus als zentraler Mittelpunkt des Stadtbildes harmonisch in die Umgebung einfügte, wurden rund um den neuen Platz barocke Mietshäuser errichtet. An der südwestlichen Seite entstand eine Häuserreihe mit Arkadengängen. Von diesen ist bis heute nur ein Eckgebäude erhalten geblieben – jetzt Nr. 63 –, dessen architektonische Details kunstvoll in Stein gemeißelt sind. Die anderen Gebäude dieser Reihe – Nr. 61 und Nr. 59 – wurden im 19. Jahrhundert umgebaut, während Nr. 55 und Nr. 57 in der Zwischenkriegszeit neu errichtet wurden.
Auch die Mietshäuser an der nordwestlichen Seite wurden im 19. Jahrhundert umgebaut. Das heutige Erscheinungsbild ihrer Fassaden entstand Ende des 19. Jahrhunderts und spiegelt historistische Motive wider. Die nordöstliche Seite des Platzes wurde um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert renoviert. Die südwestliche Seite erlitt die größten Verluste – sie wurde vollständig zerstört. Hier standen einst spätbarocke Stadthäuser, die später in der Zeit des Eklektizismus umgestaltet wurden.
Der Neue Platz spielte eine führende Rolle im Wirtschaftsleben von Butschatsch. Dies belegt insbesondere das städtische Waagehaus, das an seiner südwestlichen Ecke errichtet wurde. Die architektonische Gestaltung dieses Gebäudes tendiert zum historistischen Stil mit exotischen Anklängen orientalischer Motive.
Rathaus: Geschichte und architektonische BesonderheitenDas Rathaus wurde in den Jahren 1750–1751 aufgebaut. Am 29. Juli 1865 wurde das Gebäude durch einen verheerenden Brand beschädigt, der einen Teil seiner einzigartigen skulpturalen Verzierungen zerstörte. Im Vorfeld des Jahres 1914 wurde das Gebäude restauriert. Anschließend, im Jahr 1920, wurde es der örtlichen Kaufmannsgemeinschaft zur gewerblichen Nutzung übergeben. Während der Sowjetzeit erlitt das Denkmal schwere Schäden, und seine Innenräume wurden vollständig entkernt. Die Reparatur- und Restaurierungsarbeiten am Gebäude dauern bis heute an.
Das Gebäude weist einen kompakten zweistöckigen Bau auf, dessen Ecken von Pilastern flankiert werden. Das Obergeschoss wird von einem markanten Gesims gekrönt, das an den Ecken mit einer skulpturengeschmückten Balustrade versehen ist. Die Hauptfassade zeichnet sich durch einen dichten Rhythmus von Pilastern mit dekorativen Kapitellen aus, die die Gebäudewände auflockern. Es wird von einem hohen, reich verzierten Giebel gekrönt, der das Wappen der Familie Potocki trägt. Ursprünglich war das Rathaus mit vierzehn Skulpturen des Meisters Johann Georg Pinsel geschmückt, die die Arbeiten des Herkules darstellten. Nur vier davon sind bis heute erhalten geblieben, alle in beschädigtem Zustand. Der Innenraum des Erdgeschosses umfasst zwölf Räume, die mit Kreuzgewölben überdacht sind.
Das architektonische Ensemble wird von einem zweistöckigen, 35 Meter hohen Turm dominiert. Das untere Stockwerk wird von einer eleganten Balustrade gekrönt. Das obere Stockwerk ist etwas schmaler und weist runde Uhrenfenster sowie dekorative Vasen an den Ecken auf. Der Turm wird von einer Kuppel mit einer Wetterfahne gekrönt.
In seiner wegweisenden Monografie „Butschatsch Monuments“, die 1882 in Lemberg erschien, lieferte der Historiker, Forscher und Dominikanermönch Sadok Barącz eine der frühesten und wertvollsten detaillierten Beschreibungen des Rathauses von Butschatsch. Das Werk enthält einzigartige Informationen über das ursprüngliche Erscheinungsbild, die architektonischen Maße und das tragische Schicksal dieses herausragenden Denkmals des Spätbarocks.
Sadok Barącz beschreibt das Rathaus als ein „majestätisches und wunderschönes Magistratsgebäude“, das auf Kosten des Magnaten Mykola Vasyl Potockyi errichtet wurde. Der Autor merkte an, dass die ursprüngliche Höhe des Rathausturms einschließlich seiner eleganten barocken Turmspitze 22 Sazen oder etwa 53 Meter betrug. Der Turm war mit kunstvoll bemaltem Blech verkleidet, was ihm einen unverwechselbaren Glanz verlieh. Der Beschreibung des Forschers zufolge befanden sich im Erdgeschoss jüdische Geschäfte und Stände, im ersten Stock war der Stadtrat untergebracht, während die übrigen Räumlichkeiten vermietet wurden. Der obere Rand der Mauern, wo das Dach ansetzte, war wie ein Kranz von einer eleganten Galerie umgeben. In deren Mitte, auf der Westseite, stand eine drei Sazhen hohe und zwei Sazhen breite Steinskulptur, die das Wappen der Familie Potocki – „Pilawa“ – darstellte. Darunter befand sich eine zweite Galerie mit einem von Säulen getragenen Balkon, der direkt über dem Haupteingang lag.
Aus dem Text geht eindeutig hervor, dass das Gebäude mit exquisiten Steinfiguren geschmückt war, die vermutlich aus Italien stammten. Barącz merkt an, dass diese skulpturalen Kompositionen die zwölf Aufgaben des Herkules (Herakles) darstellten und den Triumph der Tugend, des Mutes und des kompromisslosen Kampfes gegen das Böse symbolisierten.
Gleichzeitig dokumentierte der Historiker ausführlich ein Ereignis, das sich am 29. Juli 1865 ereignete und sich als katastrophal für die Architektur der Stadt erwies. Bei einem Großbrand in Butschatsch brannte der einzigartige hohe Turm des Rathauses vollständig nieder. Auch die Steinstatuen des Herkules an der Fassade und an den Balustraden wurden durch die extreme Hitze und herabfallende Trümmer schwer beschädigt. Ein erheblicher Teil von ihnen erlitt Risse oder ging unwiederbringlich verloren. Der Forscher stellte mit Bedauern fest, dass beim Wiederaufbau des Turms dessen ursprüngliche Höhe, die prächtigen barocken Formen und die Pracht nie wiederhergestellt wurden. Der Stadt fehlten Handwerker des erforderlichen Kalibers, die in der Lage gewesen wären, Bernard Meretyns Meisterwerk nachzubilden. Infolgedessen blieb das Bauwerk deutlich niedriger – etwa 35 Meter hoch.
Von besonderem Wert ist die von Sadok Barącz aufgezeichnete lokale Volkslegende, die von der außergewöhnlichen Wachsamkeit des Gründers berichtet. Dieser Legende zufolge beaufsichtigte Mykola Potockyi den Bau mit großer Sorgfalt und ließ sogar eine spezielle erhöhte Plattform errichten, die sich von seinem Palast bis hin zum Turm selbst erstreckte. Statuen und Skulpturen wurden mithilfe dieses Gerüsts vorsichtig nach oben gehoben, um sicherzustellen, dass jedes empfindliche Stück unbeschadet an seinen Bestimmungsort gelangte. Die Erwähnung einer solchen erhöhten Plattform lässt die Hypothese zu, dass sich Pinsels Werkstatt möglicherweise neben Potockyis Palast befand und dass der Bau des Rathauses komplexe technische Lösungen erforderte. Dank spezieller Hebevorrichtungen und Plattformen wurden die fertigen Werke transportiert und direkt an die Fassade und die Balustraden des Gebäudes gehoben. Dies zeugt von der außergewöhnlichen Organisation der Bauarbeiten zu jener Zeit.
Bedeutsam ist auch der Hinweis auf die vermutliche italienische Herkunft der Skulpturen. Bekanntlich war Marmor das traditionelle Material der italienischen Bildhauerkunst, während die Denkmäler von Butschatsch aus lokalem Kalkstein gehauen sind. Moderne wissenschaftliche Untersuchungen und restauratorische Forschungen haben hier Aufschluss gegeben: Auf der Oberfläche der Figuren wurden Spuren einer authentischen Grundierung auf Basis von Leinöl und Kreide entdeckt. Gerade diese spezielle Grundierung sorgte für den Effekt eines glänzenden Schimmers, der edlen Marmor gekonnt imitierte.
Besondere Erwähnung verdient die heute nicht mehr erhaltene Galerie mit einem von Säulen getragenen Balkon. Sie befand sich an der Hauptfassade im Erdgeschoss, direkt über dem zentralen Eingang. Dieses Merkmal zeugt von der ausdrucksstarken und dynamischen dreidimensionalen Gestaltung des Rathauses. Eine solche Komposition ähnelte wahrscheinlich der bildhauerischen Technik, die Bernard Meretyn bei der Gestaltung der St.-Georgs-Kathedrale in Lemberg anwandte.
Oleh Rybchynskyi* Die Studie wurde von der Bürgerinitiative „My Future Heritage“ in Zusammenarbeit mit dem Goethe-Institut in der Ukraine durchgeführt.
* Zusätzliche Informationen zu den Skulpturenfragmenten aus dem Rathaus von Butschatsch finden sich im Galeriebereich.













