Der Cherub aus dem Horodenka-Altarbild. Das Chiaroscuro des Barockstils.
Geschichte der Erschaffung
Das Holzfragment, das einen Cherub darstellt, stammt vom Hauptaltar der Kirche der Unbefleckten Empfängnis der Heiligen Jungfrau Maria in Horodenka. Die zwischen 1745 und 1769 erbaute Kirche war das Ergebnis der Zusammenarbeit zwischen dem Architekten Bernard Meretyn und dem Bildhauer Johann Georg Pinsel. Der Bau wurde von Mykola Vasyl Pototskyi, dem Starosta von Kaniv, finanziert. Die Skulptur entstand in der kreativen Blütezeit des Meisters – in der ersten Hälfte der 1750er Jahre. Während der Sowjetzeit wurde die einzigartige barocke Ausstattung der Kirche zerstört. Dank Expeditionen ukrainischer Kunsthistoriker:innen konnte dieses Fragment jedoch für künftige Generationen erhalten werden. Heute ist es ein eigenständiges Kunstwerk von großer künstlerischer und historischer Bedeutung.Beschreibung der skulpturalen Komposition
Das Werk verkörpert einen einzigartigen Bildhauerstil, bei dem eine runde Skulptur organisch in ein zweidimensionales Relief übergeht. Es ist so konzipiert, dass es von einem festen Blickpunkt aus innerhalb der beeindruckenden Struktur des Altars betrachtet wird. Das auffälligste Merkmal dieses Cherubs ist die monolithische, fast architektonische Tektonik seiner Konstruktion. Am deutlichsten wird dies in der Frontalansicht – das Gesicht des Engels ist nach unten geneigt und leicht in einer Dreiviertelansicht gedreht. Dadurch entsteht ein bemerkenswerter Eindruck innerer Konzentration. Die massiven, abgerundeten Konturen der Wangen und das weiche Kinn sind mit einer dicken Schicht schneeweißer Levkas überzogen. Die Patina – helle, natürliche Flecken und die Spuren der Zeit, die über Stirn und Wangen verstreut sind – ist von besonderem künstlerischem Wert; sie unterstreicht deutlich das edle Alter des Denkmals und das Fehlen späterer, grober Eingriffe.
Die skulpturale Gestaltung des Cherubs offenbart die komplexe Asymmetrie von Pinsels barockem Denken. Das Haar des Engels umrahmt nicht nur die Stirn, sondern lockt sich zu engen, fast grafisch-schneckenartigen Locken mit tiefen inneren Hinterschneidungen. Ein Flügel ragt steil nach oben und bildet einen vertikalen Blickpunkt. Der andere entfaltet sich horizontal und bildet eine weit ausladende visuelle Grundlage. Dieses Wechselspiel der Volumen lässt eine wechselnde Dynamik aus Licht und Schatten entstehen, die voller innerer Lebendigkeit ist.
Der Blick auf die Skulptur von hinten bietet die einzigartige Gelegenheit, einen Einblick in das „kreative Labor“ des Meisters zu gewinnen. Der hintere Teil ist völlig frei von Unterkonstruktion und gibt den Blick auf das reine, unbehandelte Holz frei. Hier sind die breiten, kühnen Schnitte zu erkennen, die mit einem Flachmeißel ausgeführt wurden, mit dem der Bildhauer den Sockel der Figur geformt und an die Ebene der Altarkonstruktion angepasst hat.
- Der Cherub. Wohl spätestens 1752-1755.
- Holz, weiße Farbe.
- Höhe: 34х32х23 cm.
- Aufbewahrungsort: Museum von Johann Georg Pinsel in Lemberg Inv.-Nr. С-І-1087.
- Stammort: der Hauptaltar der römisch-katholischen Missionarskirche der Unbefleckten Empfängnis der Jungfrau Maria in Horodenka, Region Iwano-Frankiwsk.