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Der Cherub aus Horodenka: ein gefrorener Sturzflug

Geschichte der Erschaffung

Die Skulptur stammt aus der Kirche der Unbefleckten Empfängnis der Heiligen Jungfrau Maria in Horodenka – einem Gemeinschaftsprojekt des Architekten Bernard Meretyn und des Bildhauers Johann Georg Pinsel. Die Kirche wurde von Mykola Vasyl Pototskyi, dem Starosta von Kaniv, in Auftrag gegeben und zwischen 1745 und 1769 erbaut. Die Cherub-Figur entstand auf dem Höhepunkt von Pinsels Schaffenskarriere – zwischen 1750 und 1755. Nachdem das Kircheninnere während der Sowjetzeit zerstört worden war, wurde diese einzigartige Holzskulptur von Kunsthistorikern gerettet. Heute wird die Skulptur getrennt vom ursprünglichen Altarkomplex aufbewahrt, bleibt jedoch ein in sich vollständiges Beispiel barocker Kunst.

Beschreibung der skulpturalen Komposition

Der Kopf des Cherubs ist mit weißem Levkas bedeckt, der die Oberfläche von edlem Marmor gekonnt nachahmt. Charakteristisch für Pinsels persönlichen Stil ist die außergewöhnlich naturalistische Darstellung des Kindgesichts. In diesem Werk weicht der Meister gänzlich von der klassischen barocken Gelassenheit ab: Die traurigen Augen und der tragische Gesichtsausdruck des Engels spielen auf biblische Vorahnungen der zukünftigen Leiden Christi an. Trotz der allgemeinen Traurigkeit verleihen die pausbäckigen Kinderwangen und die leicht geöffneten Lippen der Figur eine besondere Zärtlichkeit und Realitätsnähe.

Die dynamischen Flügel des Cherubs sind in der für den Künstler charakteristischen schnellen, schwungvollen Weise ausgebreitet. Das Gefieder ist mit ausdrucksstarken, tiefen Linien geschnitzt, die ein spannungsreiches Wechselspiel von Licht und Schatten erzeugen. Pinsel vermittelt meisterhaft ein Gefühl absoluter Ruhe und eines ausgeglichenen Fluges in der Luft. Die anmutige Form der Locken und die makellosen anatomischen Proportionen zeugen von der technischen Meisterschaft des großen Meisters.

  • Der Cherub. Wohl spätestens 1752-1755.
  • Holz, weiße Farbe.
  • Höhe: 30,5х42,5х22 cm.
  • Aufbewahrungsort: Museum von Johann Georg Pinsel in Lemberg Inv.-Nr. С-І-1078.
  • Stammort: der Hauptaltar der römisch-katholischen Missionarskirche der Unbefleckten Empfängnis der Jungfrau Maria in Horodenka, Region Iwano-Frankiwsk.